Keine Lohnlücke in der Zeitarbeit? Warum ein genauer Blick wichtig ist
Zeitarbeit wird häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, Beschäftigte würden dort deutlich weniger verdienen als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf dem übrigen Arbeitsmarkt. Auf den ersten Blick klingt dieser Vergleich einfach. Doch genau darin liegt das Problem: Er ist oft zu pauschal.
Denn Zeitarbeitskräfte unterscheiden sich in vielen Punkten von anderen Beschäftigten – zum Beispiel bei Alter, Qualifikation, Berufserfahrung, Tätigkeitsniveau oder Arbeitszeit. Wer diese Unterschiede nicht berücksichtigt, vergleicht schnell zwei Gruppen, die gar nicht direkt miteinander vergleichbar sind.
Eine aktuelle Analyse des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität Tübingen zeigt: Wird sachlich vergleichbar gerechnet, ist die Lohnlücke in der Zeitarbeit faktisch verschwunden.
Warum einfache Durchschnittsvergleiche problematisch sind
Wenn man nur den durchschnittlichen Monatsverdienst von Zeitarbeitskräften mit dem Durchschnitt aller Beschäftigten vergleicht, entsteht schnell ein verzerrtes Bild.
Denn ein Monatslohn hängt nicht nur vom Stundenlohn ab. Er wird auch beeinflusst durch:
- Arbeitszeit
- Teilzeit oder Vollzeit
- Qualifikation
- Berufserfahrung
- Tätigkeitsniveau
- Betriebszugehörigkeit
- Branche und Beruf
Wenn eine Gruppe zum Beispiel häufiger in Helfertätigkeiten arbeitet oder kürzere Betriebszugehörigkeiten hat, wirkt sich das automatisch auf den durchschnittlichen Monatsverdienst aus. Daraus direkt eine strukturelle Benachteiligung abzuleiten, wäre zu kurz gedacht.
Stundenlohn ist die bessere Vergleichsgröße
Das Gutachten betrachtet deshalb nicht nur Monatslöhne, sondern auch Stundenlöhne. Gerade der Stundenlohn ist für einen faireren Vergleich besonders wichtig, weil er stärker zeigt, was für eine konkrete Arbeitsleistung tatsächlich gezahlt wird.
Das Ergebnis: Bei vergleichbaren Tätigkeiten und Eigenschaften zeigt sich eine deutliche Angleichung zwischen Zeitarbeit und anderen Beschäftigungsformen.
Laut PDF zeigen verschiedene statistische Modellansätze, dass die Lohnlücke nahezu vollständig beseitigt ist oder sich teilweise sogar umkehrt.
Was zeigen die Modelle?
Die Studie arbeitet mit mehreren statistischen Methoden. Dazu gehören unter anderem lineare Regression, Blinder-Oaxaca-Zerlegung und sogenannte statistische Zwillinge. Damit werden Beschäftigte verglichen, die sich in wichtigen Merkmalen ähneln.
Das Ergebnis ist interessant:
Bei zwei Modellverfahren verdienen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Zeitarbeit in den Analysen 6 bis 11 Prozent mehr. Bei den statistischen Zwillingen liegt der Unterschied je nach Modell bei minus 3 Prozent bis 0 Prozent.
Das heißt: Je genauer vergleichbare Gruppen gebildet werden, desto weniger bleibt von der oft behaupteten Lohnlücke übrig.
Hohe Tarifbindung als Qualitätsfaktor
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die hohe Tarifbindung in der Zeitarbeit. Laut PDF liegt diese bei nahezu 90 Prozent. Das ist im Vergleich zum Gesamtarbeitsmarkt sehr hoch.
Tarifverträge sorgen für klare, transparente und nachvollziehbare Vergütungsstrukturen. Dadurch hängen Löhne in der Zeitarbeit weniger stark von individuellen Merkmalen wie Alter oder Geschlecht ab.
Das kann ein Hinweis darauf sein, dass die Vergütung in der Zeitarbeit strukturell weniger anfällig für Diskriminierung ist.
Was bedeutet das für die Diskussion?
Die Ergebnisse zeigen: Die pauschale Aussage, Zeitarbeitskräfte würden grundsätzlich schlechter bezahlt, lässt sich so nicht halten.
Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder einzelne Arbeitsplatz automatisch perfekt bezahlt ist. Aber die Behauptung einer allgemeinen strukturellen Lohnbenachteiligung ist bei sachlich vergleichbarer Betrachtung nicht überzeugend.
Wichtig ist deshalb, über Zeitarbeit differenziert zu sprechen. Statt einfache Durchschnittswerte gegeneinanderzustellen, sollte man Tätigkeiten, Qualifikation, Arbeitszeit und Berufserfahrung mitberücksichtigen.
Fazit: Die Lohnlücke ist kein einfaches Argument gegen Zeitarbeit
Die Diskussion über Bezahlung in der Zeitarbeit braucht Genauigkeit. Pauschale Vergleiche führen schnell zu falschen Schlussfolgerungen.
Die IAW-Analyse zeigt: Wenn vergleichbare Tätigkeiten und Beschäftigte betrachtet werden, ist die Lohnlücke in der Zeitarbeit faktisch verschwunden. In manchen Berechnungen liegen die Stundenlöhne sogar über denen vergleichbarer Beschäftigter außerhalb der Zeitarbeit.
Damit wird deutlich: Zeitarbeit ist beim Thema Bezahlung besser aufgestellt, als viele Vorurteile vermuten lassen.



